Rückblickend wäre über Nacht vollzogen worden. Jedoch

Rückblickend
erweckte die Wende Chinas zur Moderne im Vergleich zur Jahrtausende langen
Geschichte der vergangenen Kaiserreiche den Eindruck, sie wäre über Nacht
vollzogen worden. Jedoch sollte man sich die zahlreichen folgenschweren
Ereignisse, die diesen kulturellen Umschwung ermöglichten, vergegenwärtigen.
Der Wunsch zur Veränderung war über viele Jahre unter den chinesischen
Intellektuellen gewachsen. Die Xinhai-Revolution von 1911, die zur Gründung der
ersten chinesischen Republik führte, die nachfolgende prekäre innenpolitische
Lage und die Missachtung der Bedürfnisse Chinas bei der Pariser
Friedenskonferenz, sie allesamt kulminierten im ideologischen Leitsatz der 4.
Mai Bewegung, die eine Zeit der Reflektion und Revision ermöglichte, in der ein
Wandel im Wertesystem, die Re-evaluation der traditionellen Ethik und die
Aneignung einer wissenschaftlichen Denkweise verbindliche Folgen waren. In
diesem Zusammenhang kann man nicht den Einfluss des westlichen Auslands
verleugnen, durch den dem Reich der Mitte viele Perspektiven zugänglich wurden,
auf Basis derer die Macht der kulturellen Erneuerung entfesselt werden konnte,
insbesondere was Literatur und philosophische Denkrichtungen anbelangt.

   In Anbetracht der ausländischen Übermacht
zur Jahrtausendwende schlägt der lange angestaute Unmut der Bevölkerung über
gesellschaftliche Missstände schnell in eine entrüstende Stimmung gegen die
Tradition um, bei der Spielräume sowohl für selbstkritische Sichtweisen als
auch Tendenzen für eine radikale Neuorientierung entstanden. Den Mittelpunkt
der Kritik bildeten die konservativen Werte des Konfuzianismus, die
sinnbildlich für die Rückständigkeit des Altertums und die Unterlegenheit
Chinas standen. Eine Wiederaufwertung der nicht-konfuzianischen Schulen der
klassischen Periode fand vor allem in der Argumentation Hu Shis Zuspruch, da er
in der Kritik der Traditionen einen ausgeglichenen Weg bevorzugte und auf die
„kritische Haltung” hinwies, bei der vermeintlichen Aneignung der westlichen
Gedankengebäude, die gemäß zahlreicher Intellektueller jener Zeit bedenkenlos
auf die chinesische Gesellschaft angewandt werden könnten.

We Will Write a Custom Essay Specifically
For You For Only $13.90/page!


order now

   In diesem Sinne scheint es auch nicht
verwunderlich, dass Hu, der selbst unentwegt für westliche Werte eintrat, dem
Konfuzianismus vorwerfen konnte, er würde die Unterordnung des Menschen durch
die Obrigkeiten lehren. Dem Daoismus gegenüber war Hu skeptisch, weil er statt
die Beherrschung der Natur zu befürworten, eine Haltung des Nicht-Eingreifens
(wu-wei) gelehrt habe. Allein der Mohismus schnitt in Hu Shis Bewertung
einigermaßen gut ab, denn in ihm lassen sich einige pragmatische Ansätze
finden.1
Die experimentalistische Methodik dieser Ansätze ermöglicht Hu Shi eine Re-evaluierung
der geistigen Tradition in Bezug auf die Stellung der unterschiedlichen
Philosophien und insbesondere auf den Vorrang des Konfuzianismus. Die somit auf
die Philosophie angewendete wissenschaftliche Methode sollte „objektive
Urteile” und eine Einschätzung des Wertes des kulturellen Erbes Chinas
ermöglichen. Durch die Komprimierung auf die Methode können und sollen folgende
Kriterien bei der Rekonstruktion von Geschichte angewendet werden: „…realize
the evolutionary clue to understanding ancient and modern thought; … search
for the cause of these evolutions; and … judge the value of each doctrine.
These judgments should be objective.”2

   Die Objektivität dieser Urteile formt sich durch
die Einordnung der praktischen Konsequenzen, die jede Denkrichtung
hervorgerufen hat: ihr Einfluss auf Politik und Gesellschaft, auf andere
Denktraditionen und auf andere Denker – mit anderen Worten: ihr Nutzen. Hu Shis
wesentlicher Beitrag ist eine Geschichtsauffassung, die den Menschen als
historisches Subjekt begreift, das aufgrund einer neuen Deutung der
Vergangenheit unter veränderten Vorzeichen in die Zukunft blicken kann. Dieses
Geschichtsverständnis befördert Hu Shi auch zwischen die beiden Lager der
Traditionalisten oder Konfuzianer einerseits, denen in erster Linie daran
gelegen ist, die Tradition zu bewahren und vor dem Neuen oder Fremden zu
schützen, und andererseits den Radikalen, die mit der Vergangenheit
kompromisslos brechen wollen. Dass Hu Shi sich bedächtig zwischen den Extremen
positioniert, zeugt auch von seinem reflexiven Verständnis des Zeitgeistes,
woraus er eine andere Definition von „Kultur” entwickelte und daraus zwei
demokratische Dimensionen ableitete; die Anerkennung, dass alle
Gesellschaftsschichten und Ethnien in China an der Prägung der Tradition
beteiligt waren und sind, sowie die Forderung, dass dieses Erbe allen
zugänglich sein soll. Dies wurde mit der Einführung der Baihua ermöglicht und
der anfangs vorwiegend materiell verstandene Begriff der „Wissenschaft” damit
erweitert. Insbesondere galt es, die in China auf eine ruhmreiche Tradition
zurückblickende philologische und historische Forschung von den Fesseln des
Dogmas der antiken Orthodoxie zu befreien und mit einer neuen kritischen
Einstellung an die Behandlung des eigenen kulturellen Erbes heranzutreten. Denn
die Beschäftigung mit der Vergangenheit dient nicht nur konservatorischen
Zwecken, sondern auch der fruchtbaren Gestaltung der Zukunft. Das Verstehen der
Gegenwart und das erfolgreiche Gestalten der Zukunft hängen dabei entscheidend
vom Verständnis der Vergangenheit ab. Die neue Wissenschaft ist im Verbund mit
der Geschichte keine Gefahr oder Bedrohung, sondern eine Chance für die Zukunft
Chinas.3